Sie sind hier: Home > Das geriatrische Assessment bei der Harninkontinenz
07.12.2019 : 02:53
Dezember 2019
MoDiMiDoFrSaSo
482526272829301
492345678
509101112131415
5116171819202122
5223242526272829
1303112345

Vorstand:
Herr Dr. med. M. Meisel
Frau Dr. Mitschke
Herr Dipl.-Med. R. Schnabel

Kontakt
Herr Dr. med. H. Freund
Südharz Klinikum Nordhausen
gemeinnützige GmbH
Dr.-Robert-Koch-Straße 39
99734 Nordhausen
Telefon 0 36 31 / 41- 0
Telefax 0 36 31 / 41- 21 42

Buchneuerscheinung

Freund H. Geriatrisches Assessment und Testverfahren. Grundbegriffe - Anleitungen - Behandlungspfade.3. überarb. u. erw. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer; ersch. 2017


Flyer : download

Autoreninterview mit Dr. med. Henning Freund

Anlässlich des Erscheinens der nunmehr dritten Auflage des Werkes “Geriatrisches Assessment” führten Marion Rehm und Wolfgang Schwibbe mit dem Autor das folgende kurze schriftliche Interview  bei Kohlhammer Blog

Das geriatrische Assessment bei der Harninkontinenz

Zusammenfassung

H. Freund, K. Becher

Die Erfassung funktioneller Defizite hat bei älteren Patienten eine hohe Bedeutung. Die Auswertung von Behandlungsunterlagen bayerischer Rehabilitationseinrichtungen zeigt auf, dass Inkontinenz bei älteren Patienten nicht isoliert gesehen werden darf. So ist der Mix von Krankheiten und funktionellen Defiziten ausschlaggebend für eine erfolgreiche Behandlung. Dabei ist es sinnvoll, nach einer Durchführung eines geriatrischen Assessments auch ein Inkontinenz-Screening mit einzubauen. Das geriatrische Assessment hat nicht nur Bedeutung beim älteren Patienten für die Therapieentscheidung, sondern kann auch zur Qualitätssicherung und zum Qualitätsvergleich mit anderen Kliniken eingesetzt werden.

Die Behandlung älterer, an einer Vielzahl von Beschwerden leidenden Patienten ist ein Problem, für das die Medizin noch keine befriedigende Lösung hat. Einig ist man sich, dass aber in der organmedizinischen Diagnostik auch eine Erfassung der funktionellen Defizite erfolgen muss. Dabei kommt den kognitiven Defiziten, Mobilisationsstörungen, Inkontinenz, Instabilität, Sozialstatus und einer Medikamentenerfassung besondere Bedeutung zu.

Die Urininkontinenz ist bei den funktionellen Defiziten ein verbreitetes Symptom mit weitreichenden Folgen für die Betroffenen. Harninkontinenz ist eines der allgemein bekanntesten geriatrischen Syndrome, von dem eine von drei älteren Frauen betroffen ist, und das dabei vor allem die individuelle Lebensqualität beeinflusst (Goode 2010). In Deutschland leiden rund zwei Millionen Menschen über dem 60. Lebensjahr (11 Prozent) an Harninkontinenz (Hampel 1997). Die relative Häufigkeit steigt mit fortschreitendem Alter (Hampel 1997, Welz-Barth 2007, Goepel 2002). Etwa 30 Prozent aller über 80-Jährigen leiden in Deutschland an einer Urininkontinenz. Hier stellt sich die Frage, inwieweit ein in der Geriatrie übliches Assessment in der Erfassung der Harninkontinenz und bei der Diagnostik hilfreich sein kann. Nach der vorliegenden Literatur sollte dabei der erste Zugang zum älteren Patienten in der Praxis und in der Klinik ein geriatrisches Assessment sein (Becher 2013, Freund 2014).

Das geriatrische Assessment

Da Funktionen für den älteren Patienten eine herausragende Rolle im täglichen Leben spielen, ist eine standardisierte und konsequente Beschreibung wesentlicher Funktionen (Kognition, Bewegung, Kontinenz, Stabilität, Sozialstatus) unumgänglich. Die geriatrische Funktionsbeschreibung - auch geriatrisches Assessment genannt - gehört deshalb zur Basis jeder Untersuchung Älterer. Deswegen wird auch häufig vom geriatrischen Basisassessment gesprochen. Besondere Bedeutung kommt dabei der Einschätzung der Aktivitäten des täglichen Lebens zu. Hierbei hat sich der Einsatz einfacher international bewährter Skalen, beispielsweise der Barthel- Index, die ADL-Skala nach Katz sowie der IADL-Status nach Lawton und Brody bewährt (Füsgen 2014).

Die Auswertung von Behandlungsunterlagen bayerischer Rehabilitationseinrichtungen zeigte auf, dass Inkontinenz beim älteren Patienten nicht isoliert gesehen werden darf. Als Datengrundlage für die Auswertung dienten über 33.000 Datensätze des Jahres 2010 der Geriatrie in Bayern (GiB-DAT-Datenbank). Zwei Drittel der Patienten waren weiblich. Nur ein Drittel (34 Prozent) gab bei Aufnahme in die Behandlung an, völlige Urinkontrolle zu haben (Barthel-Index zehn Punkte bei dem Item "Urinkontrolle"), bei Entlassung waren dies 54 Prozent. Nahezu die Hälfte der Patienten, die einen Verlust der Urinkontrolle aufwiesen, wurden nach der Rehabilitation in ein Pflegeheim entlassen. Ein niedriger Barthel-Index-Wert bei dem Item "Urinkontrolle" ging dabei mit einem niedrigen Wert bei der Testung der Gedächtnisfunktion im Mini-Mental-Status-Test (MMST) einher. Je mehr die Mobilität und die kognitive Funktion eingeschränkt waren, umso häufiger wurde im Barthel-Index bei der Urinkontrolle eine Einschränkung gesehen. Harninkontinenz beim älteren Patienten muss so mit dem Kontext anderer funktioneller Störungen gesehen werden. Harninkontinenz ist ein Teil des Komplexes geriatrischer I’s (Intellektueller Abbau, Immobilität, Inkontinenz, Instabilität, iatrogene Probleme). In diesem Sinne ist bei bestehender Inkontinenz immer ein Basisassessment sinnvoll, da es einen funktionellen Überblick der Gesamtperson gibt. Entscheidend für jede Therapie ist das Gesamtbild, das sich aus dem individuellen Mix an Krankheiten und den bestehenden funktionellen Defiziten ergibt.

Harninkontinenz-Assessment

Vor der Behandlung eines geriatrischen Patienten ist aufgrund der häufig bestehenden Multimorbidität eine individuell angepasste aber umfassende Anamnese und Diagnostik mit Einbeziehung eines geriatrischen Assessments vorzunehmen. Da Inkontinenzprobleme oft verschwiegen werden, sollte ein Inkontinenz-Screening Teil eines jeden geriatrischen Assessments sein (Talasz 2014, Becher 2014 a). Ein solches Instrument hilft, das Problem der Inkontinenz wahrzunehmen, zu quantifizieren und auch die Beeinflussung der Lebensqualität zu beurteilen. Außerdem können so Risikofaktoren, die eine Harninkontinenz begünstigen, entdeckt werden (Becher 2014 b).

Standardisierte Assessmentabläufe gibt es allerdings nur wenige. Bestandteile eines Harninkontinenz-Assessments sollten sein: eine gezielte Anamnese (inklusive Krankheits- und Medikamentenanamnese), körperliche Untersuchung, Urinuntersuchung, Restharnbestimmung und die Erstellung eines Miktionsprotokolls (Becher 2014). Fragebögen können bei der Anamneseerhebung helfen, denn sie ermöglichen eine erste ungefähre Einschätzung des Ausmaßes und der möglichen Form der Harninkontinenz. Der "International Consultation of Incontinence Modular Questionnaire (ICIQ)" ist ein Fragebogen, der als ICIQ-Urinary Incontinence (UI) Shortform mit vier Fragen der Symptomatik einer Inkontinenz innerhalb kurzer Zeit ausgefüllt werden kann und um ein Modul zur Frage der Einschränkung der Lebensqualität erweitert werden sollte (http://www.iciq.net/ ICIQ-Ulshortform.html). Eine Modifikation ist in Tabelle 1 abgebildet und dient als Einstieg in die Behandlung einer Inkontinenz. Das kognitive Leistungsvermögen kann mit dem validierten Mini-Mental-Status-Test eingeschätzt werden (Folstein 1975). Dieses Screening-Verfahren ist hilfreich, da kognitive Defizite die Harninkontinenz beeinflussen können (Wagg 2014). Wenn möglich, sollte der Patient beziehungsweise die Patientin weiterhin über drei Tage ein Miktionsprotokoll führen. Die Informationen helfen dabei, die Flüssigkeitsaufnahme, Miktionsfrequenz, Häufigkeit des Urinverlustes und Blasenkapazität besser einzuordnen (Zimmern 2010). Bei betagten Patienten kann die Protokollierung auch durch Assistenzpersonal im Heim oder durch Angehörige unterstützt werden. Wichtig ist auch, die tägliche Trinkmenge zu erfassen, da die Betroffenen zum Teil bewusst weniger trinken, wodurch der eigentliche Grad der Harninkontinenz verschleiert werden kann. Je nach Ergebnis dieser Untersuchung können weitere diagnostische Abklärungen angezeigt sein. Aufgrund der häufig bestehenden Polypharmazie und weil verschiedene Medikamentengruppen bei geriatrischen Patienten Harninkontinenzsymptome verursachen oder verstärken können, nimmt die Medikamentenanamnese einen wichtigen Stellenwert ein (Wagg 2010, Kay 2005, Becher 2011, Füsgen 2010, Füsgen 2004). Bereits die geriatrische Anamnese kann kontinenzbezogene Probleme aufdecken.

Einsatzmöglichkeiten

Das Ziel eines autonomen, selbstbestimmten Lebens in einer gewohnten Umgebung (bis zuletzt) muss unter Ausnutzung der gegebenen sozialen Unterstützungssysteme gewährleistet werden. Der erste Schritt hierzu ist das Erkennen der Defizite, aber auch der Ressourcen. Der Einsatz des geriatrischen Assessments sollte daher routinemäßig erfolgen, um entsprechende Maßnahmen dann frühzeitig in die Wege leiten zu können. So wären zum Beispiel bei Feststellung von Mobilitätseinschränkungen und einer Sturzgefährdung Interventionsmaßnahmen im Rahmen eines ambulanten physiotherapeutischen Trainings indiziert. Patienten mit Inkontinenzproblemen sind auch häufig sturzgefährdet (Freund 2014). Neben der Sturzgefahr, die durch körperliches Training gebessert werden kann, sind ebenfalls gezielt Beckenbodentraining und Erlernen von Verhaltensmaßnahmen zur Vorbeugung beziehungsweise Linderung einer Drangproblematik hilfreich.

Das geriatrische Assessment kann effektiv in der Qualitätssicherung eingesetzt werden – natürlich auch im Rahmen einer ambulanten Behandlung. Das GEMIDAS-Projekt (geriatrischer Minimaldatensatz), das jetzt vom Bundesverband Geriatrie (298 Mitgliedseinrichtungen) als GEMIDAS-Pro in einer moderneren Fassung fortgeführt wird, sichert einen externen Qualitätsvergleich. Gezieltes Eingehen auf funktionelle Defizite kann selbst längerfristig eine nachhaltige Besserung des Gesamtzustandes bedeuten (Kwetkat 2014).

Konsequenzen

Harninkontinenz beim älteren Patienten ist Teil des Komplexes der geriatrischen I’s. In diesem Sinne ist es sinnvoll, neben einem Harninkontinenz-Assessment zur Erfassung und Diagnostik der Harninkontinenz ein Basisassessment durchzuführen. Die dabei erfassten funktionellen Defizite können als Ausgangsbasis für eine begleitende Therapie der Harninkontinenz und der sich daraus ergebenden Probleme dienen. Bei Einsatz und der Durchführung solcher Assessments bietet sich neuerdings für den ambulanten Bereich die geriatrische Institutsambulanz an. Aber auch eine Reihe von niedergelassenen Ärzten haben sich inzwischen der geriatrischen Erfassung von funktionellen Defiziten gewidmet. Wichtig dabei ist, dass die Ärzteschaft interdisziplinär zusammenarbeitet. Inkontinenz ist auch beim älteren Patienten behandelbar und darf nicht als Alterserscheinung einfach hingenommen werden.

Interessenkonflikt: Die korrespondierenden Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Referenzen

Becher K, Oelke M, Grass-Kapanke B et al. Improving the health care of geriatric patient: management of urinary incontinende: a position paper. Z Gerontol Geriatr 2013; 46: 456–464.

Becher K, Inkontinenz In: Pantel, Schröder, Bollheimer, Sieber, Kruse (Hrsg.), Praxishandbuch Altersmedizin, Kohlhammer, Stuttgart 2014, S. 199–212 a.

Becher K, Bojack B, Ege S, Kirschner Hermanns R, Wiedemann A (2009) Harninkontinenz Leitlinie der Deutschen Gesellschat für Geriatrie. AWMF online. http//www.awmf.org/uploads/tx_szleitli nie/084–001_S2_Harninkontienz_09–2009_09– 201.pdf; letzter Zugriff am 11.09.2014 b.

Becher K, Sieber C. Harninkontinenz im Alter. Dtsch Med Wochenschr 2011; 136: 1574–1576,

Folstein MF, Folstein SE, Mchugh PR (1975) „Minimental state“. A practical method for grading the cognitive state of patients for the clinician. J Psychiatr Res 12:189–198.

Freund H.: Geriatrisches Assessment und Testverfahren; 2. überarb. und erw. Auflage, Stuttgart, Kohlhammer, 2014.

Füsgen, I. (2010): Multimedikation im Alter. Fortbildungstag der Geriatrischen Abteilung. HELIOS Klinik Lutherstadt Eisleben.

Füsgen, I. (2004): Geriatrie. Band 2: Spezielle Krankheitsbilder – Notfälle – Problembereiche – Tod und Sterben. 4. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.

Goepel M, Hoffmann JA, Piro M, Rübgen H, Michal MC, Prevalence and Physician awarenes of symptoms of urinary bladder dysfunction. Eur Urol 41: 234–9

Goode PS, Burgio Kl, Richter HE, Markland AD: Incontinence in Older Women, JAMA 2010, 303 (21): 2172–2181. Doi: 10.1001/jama.2010.749.

Hampel C, Wienhold N, Benken C, Eggersman C, Thüroff JW: Definition of overactive bladder and epidemiology of urinary incontinence. Urology 1997; 50(suppl 6A): 4–14.

Kay GG, Abou-Donia MB, Messer WS Jr, Murphy DG, Tsao JW, et al. (2005) Antimuscarinic drugs fpr overactive bladder and their potential effects on cognitive function in older patients. J Am Geriatr Soc 53: 2195–2201.

A.Kwetkat, T. Lehmann, A. Wittrich: Geriatrische Frührehabilitation. Eine Chance für Hochbetagte. Z Geronol Geriat 2014: 47:372–378 DOI 10.1007 / s00391–014–0660–7

Talasz H, Harninkontinenz geriatrischer Patientinnen – Screening und Abklärung. ZGerontol Geriat 2014; 47:57–68.

Wagg A, Verdejo C, Molander U. Review of cognitive impairment with antimuscarinic agents in elderly patients with overactive bladder. Int J Clin 2010; 64 (9): 1279–1286.

Wagg A, Gibson W, Ostazkiewicz J, Johnson T 3rd, Markland A, Palmer MH, et al. Urinary incontinence in frail elderly persons: Report from the 5th International Consultation on Incontinence. Neurourol Urodyn. 2014: DOI: 10.1002/nau.22602: published online 2 April 2014.

Welz-Barth A: Inkontinenz im Alter, ein soziales und ökonomisches Problem, Urologe 2007; 46: 363–4

Zimmern P, Litman HJ, Mueller E, Norton P, Goode P. Effec of fluid management on fluid intake and urge incontinence in a trial for overactive bladder in women. BJU Int 2010 June; 105 (12): 1680–5

 

 

Quelle: kontinenz aktuell 70/2016

Korrespondenzanschrift

Dr. med. Henning Freund

Helios Klinik Lutherstadt Eisleben
Geriatrische Abteilung mit angeschlossener geriatrischer Tagesklinik
Hohetorstr. 25
06295 Lutherstadt Eisleben

Dr. med. Klaus Becher MHBA

Helios Hanseklinikum Stralsund
Klinik für Geriatrie und Frührehabilitation
Große Parower Str. 47
18435 Stralsund

Geriatrisches Assessment und Testverfahren

Grundbegriffe - Anleitungen - Behandlungspfade

Henning Freund

Dieser praxisbezogene und anwendungsorientierte Leitfaden befähigt alle Mitglieder des multiprofessionellen therapeutischen Teams sowie Mitarbeiter der Sozialwirtschaft zum Einstieg in das demografisch zunehmend bedeutsame Fachgebiet Geriatrie - Altersmedizin. Patientenpfade und Musterpatienten sind in kompakter Form dargestellt. Die Neuauflage ist um einen aktuellen Überblick der Geriatrie in Deutschland erweitert sowie um weitere Schwerpunktthemen: Telemedizin, Neuropsychologie, Bobath-Konzept, Schmerz(-erkennung) insbesondere bei kognitiv eingeschränkten Patienten (auch nach erlittener hüftgelenknaher Fraktur), hausärztliches geriatrisches Basisassessment (Sturzgefahr, Hirnleistung, orientierender Funktions- und Fähigkeitsstatus - neue EBM-Ziffern) sowie Trauer- und Sterbebegleitung.

2., überarb. und erw. Auflage | 220 Seiten | Kart. | Preis € 39,- | ISBN 978-3-17-023088-0 | Verlag Kohlhammer

Nach oben