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Buchneuerscheinung

Freund H. Geriatrisches Assessment und Testverfahren. Grundbegriffe - Anleitungen - Behandlungspfade.3. überarb. u. erw. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer; ersch. 2017


Flyer : download

Autoreninterview mit Dr. med. Henning Freund

Anlässlich des Erscheinens der nunmehr dritten Auflage des Werkes “Geriatrisches Assessment” führten Marion Rehm und Wolfgang Schwibbe mit dem Autor das folgende kurze schriftliche Interview  bei Kohlhammer Blog

Multidisziplinäre und ganzheitliche Betreuung des geriatrischen Patienten

Die geriatrischen Strukturen in Sachsen­-Anhalt sind positiv zu bewerten - eine geriatrische Rehabilitations­klinik vorzuhalten hat sich bewährt - die Etablierung von geriatrischen Zentren/Fachabteilungen als Akut­geriatrien erfolgt seit Jahren auch in Bundesländern, die zuvor hauptsächlich geriatrische Rehabilitations­kliniken vorhielten. Dem akut erkrankten geriatrischen vulnerablen Patienten mit akutstationärem Behand­lungsbedarf wird in einer Akutgeriatrie auch eine begleitende geriatr. Frührehabilitation ermöglicht, deshalb ist das Vorhalten einer komplexen Strukturqualität erforderlich (Eignung für akutmedizinische Diagnostik und Behandlung sowie geriatrischer Frührehabilitation zugleich).

Die multidisziplinäre und ganzheitliche Betreuung der Patienten mit dem Ziel der Erhaltung/Wiedererlangung einer größtmöglichen Selbstständigkeit und Lebensqualität bei Wahrung der Autonomie ist charakteristisch für die geriatrische Akutversorgung in dafür spezialisierten Einrichtungen. (ERFORDERNIS: akutmedizinische Diagnostik und begleitende geriatrische Frührehabilitation – Vorhaltung einer komplexen Strukturqualität)

Differenzierte Versorgungsstrukturen ermöglichen eine optimale Behandlung. Von der vollstationären über die teilstationäre Versorgung bis hin zur Überleitung in die Häuslichkeit durch die Tagesklinik liegt alles in einer Hand. So können Patienten aus anderen Fachbereichen frühestmöglich zwecks Frührehabilitation und Weiterführung der Diagnostik übernommen (z.B. nach Schlaganfall,nach operierter hüftgelenknaher Fraktur) oder aber bei alterstypischen Erkrankungen (vorwiegend internistisch) mit drohender Immobilität und Einbuße an Alltagskompetenz direkt in das Zentrum (Geriatrische Fachabteilung) eingewiesen werden, dies erfolgt tendenziell zunehmend. Wähend 2012 nur ca. 10 % der Patienten direkt in die geriatrische Fachabteilung eingewiesen wurden, sind es 2015 bereits über 50 %. Dies konnte auch so in der Lutherstadt Eisleben festgestellt werden.

Auch akut erkrankte ältere Patienten mit rezidivierender Sturzneigung sowie seelisch erkrankte ältere Menschen profitieren von der Behandlung im geriatrischen multiprofessionellen Team. Schwergradig depressive Patienten sollten aber weiterhin schnellstmöglich direkt in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden.

Geriatrische Zentren (Geriatrische Fachabteilungen) müssen über eine Expertise bzgl. Behandlung von älteren Schlaganfallpatienten verfügen und mit einer überregionalen Stroke Unit zusammenarbeiten, welche ggf. auch eine Thrombektomie etc. ermöglichen kann. Jüngere Patienten sollten direkt in einen Maximalversorger eingewiesen werden. Ein speziell ausgestattetes Doppelzimmer ist vor Ort als Minimalvoraussetzung zu werten. Eine teleradiologische/telemedizinische Vorgehensweise ist diesbzgl. hilfreich (empfehlenswert).

Weiterhin sollte entsprechend der demografischen Erfordernisse eine integrierte Palliativeinheit etabliert sein – minimal ein Palliativappartement –, wie dies Prof. Kolb aus Lingen im Rahmen des letzten DDG-Kongresses in Frankfurt sehr anschaulich und nachvollziehbar darstellte.

Für die Beratung in ethischen Fragen im klinischen Alltag von Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern muss ein Ethikkomitee etabliert sein. Die Durchführung einer ethischen Fallbesprechung muss im Einzelfall rasch möglich sein, um z.B. den mutmaßlichen Willen des Patienten eruieren zu können und dem behandlungsverantwortlichen Arzt eine entsprechende Empfehlung bzgl. einer geplanten medizinischen Maßnahme geben zu können.

Das Zentrum sollte an einem externen Qualitätssicherungsprogramm wie GEMIDAS-Pro teilnehmen und auch Mitglied in einem Schlaganfall-Netzwerk sein. Für die Aufnahme in den Bundesverband Geriatrie muss ein Zertifizierungsverfahren durchlaufen werden.

Geriatrische Zentren halten eine komplexe Strukturqualität vor, welche sicherstellt, dass die bei der Behandlung älterer Patienten auftretenden Anforderungen sowohl in akuter als auch in rehabilitativer Hinsicht erfüllt werden können.

Oberstes Ziel bei der Behandlung von geriatrischen Patienten im fortgeschrittenen Lebensalter ist die Wiedererlangung einer größtmöglichen persönlichen Autonomie und Fähigkeit zur selbstständigen Lebensführung. Der gezielten Förderung der Patienten in den Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) sowie instrumentellen Aktivitäten des täglichen Lebens (IADL) kommt bei der Behandlung eine herausragende Bedeutung zu. Die gezielte sensomotorische Therapie in den Bereichen Körperpflege, Fortbewegung einschließlich Transfer, Urin- und Stuhlkontrolle, Toilettengang sowie der Kommunikation und Orientierung bilden das Zentrum geriatrischer Behandlungs- und Rehabilitationsbemühungen (Aktivierend therapeutische Pflege in der Geriatrie ATP-G).

Abgestuftes geriatrisches Versorgungsnetz

Geriatrische Klinik
bzw. eigenständige geriatrische Fachabteilung

geriatrische Stroke Unit-Vernetzung
mit überregionaler Stroke Unit

Palliativstation/-einheit oder
minimal Palliativappartement

Geriatrische Tagesklinik (wenn noch keine Tagesklinikfähigkeit besteht, dann Verlegung – im Einzelfall, bei Wunsch des Patienten und der Angehörigen – in die vorhandene stationäre geriatrische
Rehabilitationsklinik).

Voraussetzungen für die Aufnahme/Übernahme in die Geriatrische Tagesklinik: ausreichende psychische und physische Belastbarkeit (Minimalvoraussetzung: Rollstuhlfähigkeit, zumutbare Transportzeit maximal 30-45 min.).

oder

Minimalvariante – das Angebot einer Kurzzeitpflege in einer entsprechenden Einrichtung (vor Ort) mit möglicher ambulanter physiotherapeutischer, ergotherapeutischer und logopädischer Behandlung.
Gesundheitspolitischer Grundsatz: „Rehabilitation vor Pflege“.

Die letztere Variante (Kurzzeitpflege) erfüllt noch nicht die qualitativen Voraussetzungen (die Qualifikationen der Mitarbeiter fehlen häufig, strukturelle Gegebenheiten sind selten gegeben)

Ambulante geriatrische Angebote:

  • ambulanter Rehabilitationssport
  • Aphasieselbsthilfegruppe
  • Selbsthilfegruppe Demenz

Bei Palliativpatienten

  • Vernetzung mit SAPV (es zeigt sich aber, dass viele Hausärzte diese schwierige Aufgabe in letzter Zeit zunehmend wieder selbst in die Hand nehmen möchten, um ihren Patienten bis zuletzt beistehen zu können und eine bestmögliche Lebensqualität zu ermöglichen und die Angehörigen zu stützen).

Das Geriatriekonzept in Sachsen-Anhalt sieht vor, dass ein geriatrisches Zentrum auch eine Tagesklinik betreiben sollte. Die geriatrische Fachabteilung ist als Kristallisationskern der geriatrischen Kompetenz anzusehen (Vorhandensein einer personellen, räumlichen und apparativen Mindestausstattung, die sicherstellt, dass die bei der Behandlung älterer Patienten auftretenden komplexen Anforderungen sowohl in akutmedizinischer als auch in rehabilitativer Hinsicht erfüllt werden können – komplexe Strukturqualität).

Wir verfügen derzeit in unserem Bundesland über vierzehn genehmigte geriatrische Zentren, wovon sieben eine Geriatrische Tagesklinik betreiben. Es ist aber bedauerlich, dass es in den letzten Jahren bei den sieben Tageskliniken geblieben ist, wahrscheinlich, weil die Betreibung einer Tagesklinik wenig lukrativ ist. Eine geriatrische Rehabilitationsklinik (§ 111), die Patienten bei noch bestehendem Rehabilitationspotential und noch nicht gegebener Tagesklinikfähigkeit (Patienten nicht ausreichend physisch und psychisch belastbar) aus dem vollstationären Bereich übernehmen kann, befindet sich in Bad Kösen. Die Betreibung mindestens einer geriatrischen Rehabilitationsklinik hat sich in unserem Bundesland als sinnvoll erwiesen.

Entsprechend der Definition Geriatrie der Fachgesellschaften soll ein/e geriatrisches Zentrum/geriatrische Fachabteilung alle Angebote vorhalten.

Definition:

Die Geriatrie führt

  • akutmedizinische
  • frührehabilitationsmedizinische und
  • rehabilitationsmedizinische Behandlungen

durch.

Die Geriatrie geht deshalb zumeist über die reine Organmedizin hinaus und erbringt zusätzliche Leistungen vor allem im Bereich der multidisziplinären ICF- und ICD-orientierten

  • Diagnostik und
  • funktionellen Therapie sowie im Bereich
  • der Prävention und
  • der Palliation

In: H. Freund, Geriatrisches Assessment und Testverfahren, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Seite 219 ff

Es sollten auch die Pfade "hüftgelenknahe Fraktur", "Schlaganfall" und "Demenz" etabliert sein – dabei ist es weniger von Bedeutung neuere Zertifikate zu erlangen. Das Vorhandensein von Therapieräumen auf Station ist dabei ebenso selbstverständlich wie moderne physikalische Therapiemethoden (Physikalische Medizin sowie nebenwirkungsarme Schmerztherapieformen – auch Akupunktur), idealerweise die spezielle Schmerztherapie. Der leitende Arzt sollte über die Weiterbildungsermächtigung (Geriatrie und Allgemeine Innere Medizin) verfügen.

Mindestens ein Oberarzt sollte auch über die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin verfügen und ein Oberarzt idealerweise am Rettungsdienst teilnehmen. Wünschenswert ist auch das Vorhandensein der Zusatzbezeichnung "Spezielle Schmerztherapie".

Ad on sollte eine Vernetzung mit der SAPV gegeben (auch bzgl. Patienten z.B. mit schwergradiger Demenz) sowie eine Selbsthilfegruppe Demenz angegliedert sein. Fakultativ (wünschenswert) ist die Etablierung einer ambulanten REHA-Sportgruppe (KV-Formular 56) – leitender Arzt der REHA-Sportgruppe ein Arzt der geriatrischen Abteilung, z.B. auch Chefarzt – ein/e Therapeut/in muss den Abschluss Übungsleiterlehrgang diesbezüglich beim Behindertensportverband absolviert haben – eine Vertretung von Seiten der Mitarbeiter des geriatrischen Zentrums (nach teilstationärer Behandlung – wenn noch Beschwerden wie Schwindel, Gangunsicherheit etc. fortbestehen – Trainingsbedarf besteht) sollte zur Verfügung stehen (Kursdauer ca. 2 Wochen).

Rehabilitationssport:

Informationen zu den Einzelheiten der Antragsstellung, Trainingsteilnehmern und Trainingsterminen erfolgt über die Therapeuten – entsprechender Flyer (vom Fachübungsleiter/Spezialist zentrales und peripheres Nervensystem).

Die Mitarbeiter des Geriatrischen Zentrums müssen (sollten) in überregionale Fortbildungsveranstaltungen mindestens einmal jährlich eingebunden sein (z.B. Zercur).

Mindestens ein Mitarbeiter (z.B. teamintegrierter Sozialdienst) sollte einen besonders engen Kontakt mit dem zuständigen Betreuungsgericht pflegen, denn geriatrische Medizin findet auch bis zum bzw. angesichts des Todes statt (Besonderes rechtliches Schutzbedürfnis geriatrischer Patienten). Rechtliche Verfügungen müssen im Sinne der Patientenautonomie zum Tragen kommen. Seit 1.9.2009 sind schriftliche Patientenverfügungen rechtsverbindlich!

Die geriatrische Einrichtung sollte für die Ausbildung von Ärzten (Innere Medizin – Common Trunk sowie Geriatrie – unbedingt auch für Hausärzte) und Gesundheits- und Krankenpfleger zugelassen sein, weiterhin sollte auch eine Zulassung als Praktikumseinrichtung für Physiotherapeuten und Ergotherapeuten, Logopäden, Sozialarbeiter, aber auch Betreuungskräfte bei Demenzerkrankungen etc. bestehen. Das Geriatrieteam verfügt zusätzlich über die ergotherapeutische Profession und ist mit der Diagnostik und dem Umgang mit Demenzpatienten geschult und erfahren. Sollten all diese Qualifikationen im Geriatrieteam zur Verfügung stehen, könnte man dies analog zur Palliativmedizin als spezielle (spezialisierte) geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung bezeichnen. Eine Neubewertung durch das INEK/DIMDI wäre dann zu empfehlen.

Die bundesweite Etablierung des Facharztes für „Innere Medizin und Geriatrie“ ist weiter als ein Hauptziel aller Beteiligten zu betrachten. Bisher sind es nur 3 Bundesländer, die dieses Ziel stringent verwirklicht haben.

Es ist schon verwunderlich, dass dies in den anderen Bundesländern bisher nicht in die Tat umgesetzt werden konnte. Auch das Bundesfamilienministerium dürfte großes Interesse daran haben, die Facharztkompetenz auch für den alten Menschen (Facharzt für Geriatrie) zur Verfügung zu haben, der Facharzt für Kinderheilkunde ist ja auch unumstößlich etabliert – also selbstverständlich vorhanden.

Quelle: Geriatrie-Report 01-2016

Autor
Chefarzt Dr. med. Henning Freund
Geriatrische Abteilung und Tagesklinik

HELIOS Klinik Lutherstadt Eisleben
Hohetorstraße 25
D-06295 Lutherstadt Eisleben
www.helios-kliniken.de/eisleben

Geriatrisches Assessment und Testverfahren

Grundbegriffe - Anleitungen - Behandlungspfade

Henning Freund

Dieser praxisbezogene und anwendungsorientierte Leitfaden befähigt alle Mitglieder des multiprofessionellen therapeutischen Teams sowie Mitarbeiter der Sozialwirtschaft zum Einstieg in das demografisch zunehmend bedeutsame Fachgebiet Geriatrie - Altersmedizin. Patientenpfade und Musterpatienten sind in kompakter Form dargestellt. Die Neuauflage ist um einen aktuellen Überblick der Geriatrie in Deutschland erweitert sowie um weitere Schwerpunktthemen: Telemedizin, Neuropsychologie, Bobath-Konzept, Schmerz(-erkennung) insbesondere bei kognitiv eingeschränkten Patienten (auch nach erlittener hüftgelenknaher Fraktur), hausärztliches geriatrisches Basisassessment (Sturzgefahr, Hirnleistung, orientierender Funktions- und Fähigkeitsstatus - neue EBM-Ziffern) sowie Trauer- und Sterbebegleitung.

2., überarb. und erw. Auflage | 220 Seiten | Kart. | Preis € 39,- | ISBN 978-3-17-023088-0 | Verlag Kohlhammer