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17.08.2019 : 17:14
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Buchneuerscheinung

Freund H. Geriatrisches Assessment und Testverfahren. Grundbegriffe - Anleitungen - Behandlungspfade.3. überarb. u. erw. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer; ersch. 2017


Flyer : download

Autoreninterview mit Dr. med. Henning Freund

Anlässlich des Erscheinens der nunmehr dritten Auflage des Werkes “Geriatrisches Assessment” führten Marion Rehm und Wolfgang Schwibbe mit dem Autor das folgende kurze schriftliche Interview  bei Kohlhammer Blog

Palliative Aspekte in der Geriatrie

Entsprechend der demographischen Entwicklung wird der Anteil palliativ zu versorgender geriatrischer Patienten auch in den nächsten Jahren deutlich ansteigen. Dieser Tatsache sollten wir zukünftig entsprechend Rechnung tragen.

Laut Definition der Fachgesellschaften (Deutsche Gesellschaft für Geriatrie, Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie sowie Bundesverband Geriatrie) beinhaltet Geriatrie auch palliative Aspekte.

Im Vordergrund unserer Bemühungen im Rahmen der Akutgeriatrie sowie der begleitenden geriatrischen Frührehabilitation steht die Zielstellung, dass die geriatrischen Patienten mit größtmöglicher Alltagskompetenz und unter Nutzung aller sozialen Unterstützungssysteme weitgehendeigenständig im häuslichen Umfeld weiterleben zu können.

Geriatrische Medizin findet aber auch bis zum bzw. angesichts des Todes statt. Insofern ist die palliative Geriatrie ein wichtiger Bereich, der auch entsprechend weiterentwickelt werden sollte.

Die Geriatrie führt

  • akutmedizinische,
  • frührehabilitationsmedizinische und
  • rehabilitationsmedizinische Behandlungen

durch.

Die Geriatrie geht deshalb zumeist über die reine Organmedizin hinaus und erbringt zusätzliche Leistungen vor allem im Bereich der multidisziplinären, ICF- und ICD-orientierten Diagnostik und funktionellen Therapie sowie im Bereich der Prävention und der Palliation.

Abbildung 1: Definition Geriatrie (Fachgesellschaften)

Moderne Geriatrische Fachabteilungen haben bereits (geriatrische) Palliativeinheiten in ihre Abteilungsstruktur implementiert. Eine Einheit für palliative Geriatrie behandelt und begleitet Patienten, die aufgrund fortgeschrittener Multimorbidität und/oder akuter Erkrankung an belastenden Symptomen, wie z.B. Schmerz, Luftnot, Übelkeit oder Angst leiden, und deren Lebensprognose deutlich eingeschränkt ist. Dazu gehören neben Patienten mit bösartigen Tumoren ausdrücklich auch diejenigen mit nichtbösartigen Erkrankungen, beispielsweise Patienten mit fortgeschrittener dementieller Symptomatik.

Das Erkennen belastender Symptome ist hier oft schwierig, wenn die Kommunikation beeinträchtigt ist. Demente Patienten können ihren Schmerz oft nicht mehr kommunizieren.

Bei höhergradigen kognitiven Einschränkungen (MMS kleiner 15) ist, auch nach den Empfehlungen der deutschen Schmerzgesellschaften, der Einsatz des Erfassungsbogens zur Beurteilung von Schmerzen bei Demenz/BESD (entwickelt aus dem Painad) hilfreich. Hier wird eine Fremdeinschätzung während einer Mobilitätssituation wie Betten, Lagern oder Waschen, in der Regel durch die Pflegeprofession, zu 5 beobachteten Reaktionen/Gefühlsäußerungen vorgenommen: Atmung, Gesichtsausdruck, negative Lautäußerungen, Körpersprache und Trostbedürftigkeit/Trostannahme.

Für jede Kategorie sind 0 – 2 Punktwerte zu vergeben; die maximal erreichbare Punktzahl beträgt 10. Bei einem Wert von größer 6 Punkten darf von einer behandlungsbedürftigen Schmerzsituation ausgegangen werden.

Unserer Erfahrung nach ist es zu empfehlen, spätestens ab einer Erfassung von 4 Punkten eine Schmerztherapie in Erwägung zu ziehen. Die Tatsache, dass kognitiv stärker eingeschränkte Patienten ihren Schmerz nicht adäquat kommunizieren können, sollte jeder Behandelnde stets vor Augen haben, vor allem, wenn die Art der Behandlung Schmerz erwarten lässt.

Bestehen kognitive Probleme, z.B. bei Demenz, ist das Erkennen belastender Symptome oft sehr schwierig. Das geriatrische Team sollte auch den Herausforderungen durch geriatrische Palliativpatienten gewachsen sein. Hierzu ist es notwendig, dass entsprechendes Fachwissen erworben wird. Ideal wäre es, wenn auch Ärzte der Geriatrischen Fachabteilung die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin erworben haben (u.a. auch der Leiter der Abteilung), weiterhin zwei Schwestern die palliativ-care-Ausbildung abgeschlossen haben. Die physiotherapeutischen Mitarbeiter benötigen diesbezüglich ebenfalls spezifische Fortbildungszertifikate.

Im Rahmen der palliativmedizinischen Versorgung von Patienten mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen und einer begrenzten Lebenserwartung gilt es, eine bestmögliche Symptomkontrolle zu erzielen und eine Lebensqualität bis zuletzt aufrecht zu erhalten. Dabei steht die Beherrschung von Schmerzen sowie anderen Krankheitsbeschwerden im Vordergrund. Eine psychologische Begleitung muss erfolgen. Auch die betreuende Psychologin sollte über ein entsprechendes Fachwissen verfügen.

Palliative Geriatrie

Die palliative Geriatrie umfasst eine akute ganzheitliche Behandlung zur Symptomenkontrolle und psychosozialen Stabilisierung ohne kurative Intention und im Allgemeinen ohne Beeinflussung der Grunderkrankung von Patienten mit einer progredienten, fortgeschrittenen Erkrankung und begrenzter Lebenserwartung unter Einbeziehung von Angehörigen und unter Leitung einer Geriaterin/eines Geriaters mit Erfahrung in der Palliativmedizin.


Die Betreuung in der Endphase des Lebens umfasst eine adäquate Sterbebegleitung im Spannungsfeld von Selbstbestimmung und Fürsorge.


Die multiplen Bedürfnisse eines Sterbenden können entsprechend der Maslow´schen Bedürfnispyramide angepasst werden. Dabei verbessert z.B. eine gute Schmerztherapie die Lebensqualität der Betroffenen auf allen fünf Ebenen der Bedürfnispyramide.

Aufgaben der Palliativmedizin

  • Optimale Symptomlinderung
  • Kümmern und Begleiten
  • Prävention des Leidens
  • Kommunikation im Team
  • Angehörige stützen
  • Ethisch handeln

Achtung: Aktionismus ist fehl am Platz!

Die deutschen Gerichte akzeptieren den Abbruch von lebensverlängernden Maßnahmen, wenn dies dem erklärten oder mutmaßlichen Willen des Patienten entspricht. Der Patient kann nicht gezwungen werden, mit Hilfe der Medizintechnik weiter zu leben, wenn er dies nicht will.

Befindet sich ein Patient in der Sterbephase, gilt es, die optimale Symptomenkontrolle zu realisieren und einen friedlichen Übergang zu ermöglichen sowie die Angehörigen zu stützen.

Medizin-ethische Leitgedanken bzgl. Entscheidungsfindung

  • Menschenwürde, Wohl des Patienten, Fürsorgepflichten
  • Wille des Patienten – Patientenautonomie
  • Nicht schaden – Nutzen wollen!
  • Kein Aktionismus!
  • Wahrhaftigkeit in der Kommunikation
  • Gerechtigkeit, Fairness

Kennzeichen fürsorglicher Moral

  • Was ist wichtig?
  • Was wollen Sie?
  • Was kann ich für Sie tun?
  • Was soll nicht sein?

Abbildung 5: Stadieneinteilung der Palliativmedizin

In Sachsen-Anhalt haben viele geriatrische Fachabteilungen bereits Palliativeinheiten implementiert. Viele ärztliche Leiter haben die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin erworben. Im Rahmen des 4. Geriatrietages, welcher am 07.11.2014 an der
Martin-Luther-Universtität Halle/Saale stattfand, wurden die Qualifikationsvoraussetzungen geriatrischer Teams sowie erforderliche Strukturen beleuchtet. Es wurde auch auf den internationalen Geriatriekongress Bezug genommen, welcher im September d.J. auch in Halle/Saale an der Universität durchgeführt wurde.

Am 24.10.2014 fand die 9. Fachtagung Palliative Geriatrie des Unionhilfswerkes in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin statt. Das Motto lautete „Palliative Geriatrie als wahre Qualität. Leben können. Sterben dürfen.“ Auf der Veranstaltung wurden im Rahmen von Vorträgen sowie 5 parallelen Workshops aktuelle Aspekte hinsichtlich der Versorgung von Betroffenen (im Sinne ganzheitlicher Sorgekultur in der Altenpflege) dargestellt.

Alte Menschen brauchen Palliativ Care – nicht nur am Lebensende. Die palliative Geriatrie ist „Lebensbegleitung bis zuletzt“. Es wurde deutlich, dass die Thematik „Palliative Geriatrie“ zunehmend in der Altenhilfe Anklang findet. Die Einrichtungen übersetzen Hospizkultur und Palliativ Care für die dort lebenden und arbeitenden Menschen. Es wird somit eine neue Wirklichkeit für hochbetagte und deren Zugehörige gestaltet. Es wurde aber auch deutlich, dass noch viel zu tun ist, damit palliative Geriatrie allen zugutekommt, die sie brauchen.

Hervorzuheben ist auch die Etablierung von Ethikkomitees in Seniorenheimeinrichtungen, wie dies bereits in Geriatrischen Fachabteilungen seit Jahren einen Standard darstellt. Ethikkomitees sollen dazu beitragen, Verantwortung, Selbstbestimmungsrecht, Vertrauen, Respekt, Rücksicht und Mitgefühl als gelebte moralische Werte in die Entscheidungsfindung einfließen zu lassen.

Die Etablierung von Ethikkomitees stellt ein Qualitätsmerkmal einer Einrichtung dar. Im Rahmen von ethischen Fallbesprechungen wird ein ethischer Diskurs geführt, in welchem man zu einer allgemeinen Handlungsorientierung gelangt. Die verschiedenen Perspektiven der beteiligten Professionen werden dargestellt. Ziel der Ethikarbeit ist es, durch interdisziplinäre, neutrale, ethische Analyse zur Lösung eines ethischen Konfliktes in einem konkreten Behandlungsfall beizutragen. Eine ethische Fallbesprechung ist gelebte Interdisziplinarität.

Ein Ethikkomitee einer Pflegeeinrichtung hat die Aufgabe, bei der Suche nach einer ethisch begründeten und für alle Beteiligten nachvollziehbaren Entscheidung zu helfen. Insofern bleibt zu wünschen, dass möglichst viele Einrichtungen ein Ethikkomitee etablieren, da dies ein Qualitätsmerkmal darstellt.

Die Ausführungen von Herrn Dr. Lübke (Facharzt für Geriatrie, Leiter des Kompetenzzentrums Geriatrie) zeigten, dass Geriatrische Fachabteilungen auch Palliativbehandlungsmöglichkeiten vorhalten sollten. Dies stellt auch einen Aufgabenbereich der Geriatrie (Altersmedizin) dar.

Wir haben nicht selten die Situation, dass sich im Behandlungsverlauf vordergründig palliativmedizinischer Behandlungsbedarf heraus kristallisiert (z.B. bei vorliegender schwergradiger Demenz). Dies ist auch die originäre Aufgabe des Geriaters laut Definitionder Fachgesellschaften, denn Geriatrie findet immer auch bis zum bzw. angesichts des Todes statt – laut den bekannten Dimensionen der Altersmedizin (Geriatrie). Eine Verlegung auf eine Palliativstation ist keinesfalls anzustreben. Dieser Aufgabe sollte zukünftig überall auch eine geriatrische Fachabteilung gerecht werden können.

Die Umsetzung der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“ sollte allen eine Herzensangelegenheit sein. Dies wurde im Rahmen der Veranstaltung ebenfalls sehr deutlich. Der Grundsatz „Selbstbestimmung bis zuletzt“ ist oberstes Gebot, insofern müssen schriftliche Patientenverfügungen umgesetzt werden. Diesbezüglich sollte stets auch eine Vorsorgevollmacht vorliegen, damit zu gegebener Zeit auch jemand verfügbar ist, der den Willen der oder des Betroffenen auch umsetzen kann, da teilweise Formulierungen in den Patientenverfügungen verwandt werden, die nicht eindeutig auslegbar sind. Die Kopplung der Patientenverfügung mit der Vorsorgevollmacht ist dringend zu empfehlen, sonst ist die Patientenverfügung ggf. nur ein „stumpfes Schwert“.

Quelle: Geriatrie-Report 04-2014

Autor
Chefarzt Dr. med. Henning Freund
Geriatrische Abteilung und Tagesklinik

HELIOS Klinik Lutherstadt Eisleben
Hohetorstraße 25
D-06295 Lutherstadt Eisleben
www.helios-kliniken.de/eisleben

Geriatrisches Assessment und Testverfahren

Grundbegriffe - Anleitungen - Behandlungspfade

Henning Freund

Dieser praxisbezogene und anwendungsorientierte Leitfaden befähigt alle Mitglieder des multiprofessionellen therapeutischen Teams sowie Mitarbeiter der Sozialwirtschaft zum Einstieg in das demografisch zunehmend bedeutsame Fachgebiet Geriatrie - Altersmedizin. Patientenpfade und Musterpatienten sind in kompakter Form dargestellt. Die Neuauflage ist um einen aktuellen Überblick der Geriatrie in Deutschland erweitert sowie um weitere Schwerpunktthemen: Telemedizin, Neuropsychologie, Bobath-Konzept, Schmerz(-erkennung) insbesondere bei kognitiv eingeschränkten Patienten (auch nach erlittener hüftgelenknaher Fraktur), hausärztliches geriatrisches Basisassessment (Sturzgefahr, Hirnleistung, orientierender Funktions- und Fähigkeitsstatus - neue EBM-Ziffern) sowie Trauer- und Sterbebegleitung.

2., überarb. und erw. Auflage | 220 Seiten | Kart. | Preis € 39,- | ISBN 978-3-17-023088-0 | Verlag Kohlhammer

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